Akteure der Tempelhofer Wirtschaftsgeschichte - Georg Henning

hennWerk für Chemische und pharmazeutische Fabrikation Dr. Georg Henning, BerlinTempelhof entwickelte sich seit der Fertigstellung des Teltowkanals und des Tempelhofer Hafens zu einem bevorzugten Standort der Berliner Industrie. Große Firmennamen waren C. Lorenz AG, Fritz Werner Werkzeugmaschinen AG, Orenstein & Koppel, Electrolux, Schindler & Co, Roth-Büchner AG (später Gillette), Sarotti, Ullstein-Verlag oder die Chemischen Werke Marienfelde.

Ein bedeutender Tempelhofer Unternehmer war Georg Henning (1863-1945). Er absolvierte eine Apothekerlehre, studierte Chemie und Pharmazie und promovierte in Erlangen. 1892 eröffnete er ein Labor für chemische und pharmazeutische Produkte in der Wilhelmstraße 141. Mit verschiedenen Produkten wie Malzextrakt, Chloräthylen als Betäubungsmittel, Schellack, Sprengstoff (Hexogen) und Färbe- und Reinigungsmittel für die Textilbearbeitung versuchte er am Markt Fuß zu fassen. Er gründete zusammen mit G. Zander 1901 die Chemische Dampfwäscherei Groß-Berlin in der Berliner Straße 115 (133) in Charlottenburg. 1914 ließ er die heute kurz als Henning bekannte Firma mit Sitz in der Kurfürstenstraße145-147 in das Handelsregister eintragen.

Nur wenige Betriebe wie Riedel (1812) und Schering (1851) hatten gegenüber der vorherrschenden eigenhändigen Herstellung von Medikamenten die industrielle Produktion etablieren können, jede mit einem Spezialgebiet. Das lag für G. Henning im Bereich der Endokrinologie, der Lehre von den Drüsen und ihren innerkörperlichen Sekreten (Hormone, Enzyme). Zwar bestand sein Angebot auch aus pflanzlichen gewonnenen Abführ- oder Beruhigungsmitteln, aber mit dem Sexualtonikum Testogan/Thelyan wandte er sich der Gewinnung von Wirkstoffen aus Drüsen zu. Bei den Schlachthöfen fielen die dafür benötigten Rohstoffe an: Hirnanhangdrüsen, Schilddrüsen, Nebennieren, Bauchspeicheldrüsen, Hoden und Eierstöcke. Die daraus entwickelten Präparate brachte die Firma , die sich eng mit der Ärzteschaft der städtischen Krankenhäuser austauschte, auf den Markt, auf dem sie sich teilweise mehrere Jahrzehnte lang hielten.

Tempelhof 2013 2014 02Reklame für Henning-Präparate1925 kaufte Henning das Grundstück Komturstraße 19-21 von der Lack- und Farbenfabrik Heyn & Manthe. 1933 wandelte sie sich in eine GmbH um. Den Krieg überstand das Unternehmen ohne größeren Schaden. Die am 26.April 1945 einrückenden Russen begannen umgehend mit der Demontage, die dank der einrückenden Amerikaner nur eine Teildemontage blieb. Sie erteilten auch umgehend die Genehmigung zur Weiterproduktion. Strom- und generelle Materialknappheit wurden während der Blockade noch durch das Ausbleiben von Rohstoffnachschub von der Schlachthöfen im sowjetischen Sektor verschärft. Eine Zweigniederlassung in Hamburg blieb Episode. 1956 konnten die 1945 beschlagnahmten Wort- und Firmenzeichen sowie Markennamen zurückerworben werden. Die Beschäftigtenzahl stieg von 45 (1956) auf 450 (1990). ERP-Kredite und Belieferung der Senatsreserve stabilisierten die Firma.

Seit 1975 entstanden Neubauten und das Firmengelände wurde erweitert. Forschung und Entwicklung neuer synthetischer Produkte für die Schilddrüsenbehandlung und Diagnostika für Herz- und Kreislauferkrankungen kennzeichnen die neuen Schwerpunkte. Mit der Überführung in einen internationalen Konzern zusammen Marion Merrell Dow im Jahre 1991 endete die Epoche eines familiengeleiteten Unternehmens.

Über viele Unternehmen und Akteure der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte gibt es heute keine Unterlagen mehr. Das Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv hat die Aufgabe, Unterlagen zur Berliner Wirtschaft zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. Wenn Sie Hinweise auf dergleichen Unterlagen geben können, sind Sie beim Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv an der richtigen Adresse. 

Quelle
Wolfram Fischer, Henning Berlin, Die Geschichte eines pharmazeutischen Unternehmens 1913-1991, Berlin 1992

Info
Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V., Eichborndamm 167, Haus 42, 13403 Berlin
Tel.: 030 411 90 698, E-Mail: mail@bb-wa.de, www.bb-wa.de

Abgedruckt in Tempelhof kompakt 2013/2014, Verlag BfB Bestmedia4Berlin.
Text: Klaus Dettmer
Illustrationen: BBWA

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